Gernots Rennbericht

238 km und 5500 Hm

Samstag, 26.08.2017

Anreise 15:00 in Sölden bei schönstem Wetter, Akkreditierung, danach ins Hotel Obergurgl auf ca. 1900 Hm.

Anschließend Vorbelastung, bei leichter Gewitterneigung, mit Abfahrt wieder nach Sölden auf 1360 Hm, schon vor Sölden holen mich die ersten Tropfen ein, nach 10min Bergabfahrt wieder umgedreht und nach wenigen Minuten schon kamen mir die Sturzbäche entgegen, aber das sollte der letzten Regen vor dem Ötzi sein!

Sonntag, 27.08.2017

Wecker um 4:15 Uhr geklingelt, wie gut, dass es überhaupt schon Frühstück um 4:30 Uhr gab und ich unter Gleichgesinnten versuchte irgendwelche Semmel zu verdrücken, schließlich sollte mich der Hunger nicht schon vor dem Start plagen.

5:00 Uhr Abfahrt  mit dem Auto Richtung Sölden, immer noch stockdunkel. In Sölden dann durch die noch nicht gesperrten Startblöcke und die vielen Radler die schon am Straßenrand warteten, um im Block weit vorne zustehen. Schnell ein Parkplatz gesucht, Radl aufgerüstet, um jetzt doch nicht mehr einer der ersten im Block 2 zu sein, jetzt war es 5:30 Uhr.

6:45 Uhr Start, jetzt war ich jedenfalls schon wach, war ja auch schon hell und hatte ich in der Zwischenzeit festgestellt, dass ich nichts vergessen hatte, kommt eher selten vor. Somit war alles angerichtet, auch das Wetter konnte nicht besser sein!

Ohne groß Gedränge ging es mit Ø 60km/h Richtung Ötz, bis der Kreisverkehr in Ötz den Kühtai ankündigte und es zum erstmal anstrengend werden sollte. Hier wusste ich noch nicht, dass ich bis zum Ende des Rennens wohl in der Platzierung noch am weitesten vorne gelegen war.  Wie im Trainingsplan hunderte mal trainiert und von meiner Trainerin Debbie vorgeben, ging es jetzt wattorientiert und zügig in den Berg rein und ich versuchte die Leistung über den Gesamtanstieg von 1200 Hm bis zur Passhöhe auf 2020 m zu halten. Ich hatte mich wohl gut im Fahrerfeld einsortiert, weil meine Mitfahrer das Tempo mitgehen konnten. Auf der Passhöhe hatte sich das Feld schon richtig auseinander gezogen, sodass einer Highspeedabfahrt nichts mehr im Wege stand, selbst das Weidevieh hatte sich an diesem Tag zurückgezogen und den Tagespitzenwert von ca. 107 km/h konnte ich sicher bis Kematen runterbringen. Auf dem Weg Richtung Innsbruck galt es, sich in einer gut funktionierenden Gruppe einzuordnen und schon mal anzufangen Kräfte zu sparen. Anfangs noch skeptisch, ob die 5er Gruppe auch groß genug ist, um sich aus der Führungsarbeit rauszuhalten, wichen dann der Gewissheit, dass die 200 m vor uns fahrende Gruppe groß genug sein würde, um mindestens bis zum Brenner zu kommen. Der Plan ging auf, ab Innsbruck waren es dann an die 40 Fahrer die in den Brenner rein fuhren. Gleich in der ersten kleineren Rampe wurde mir aber klar, dass hier keiner interessiert war die ganze Gruppe bis nach Sterzing zu chauffieren! Von da an wurde durch die unzähligen Ausreissversuche das Tempo hochgehalten, was aber auch dazu führte, dass es immer wieder zu Tempoverschärfungen kam. Leider zog sich das bis zum Brenner hin, weil zu dem Zeitpunkt des Rennens noch alle genug Kräfte hatten, um in der Gruppe zu bleiben. Und so ging es mir auch, dass ich trotz der hohen Wattzahlen von Ø 277 Watt, die ich eigentlich nur am Berg fahren wollte, noch so gerade in der Gruppe drin blieb. Aus den ganzen Trainingsanalysen mit meiner Trainerin wusste ich, dass ich auch das unrhythmische Fahren trainiert hatte und ich mich auch psychisch nicht abschütteln lassen sollte und somit war klar, dass ich die Gruppe halten sollte. Wie schon bei meinem ersten Ötztaler wusste ich, dass ich mich am Brenner nicht verpflegen musste, alles war noch ausreichend an Bord, schließlich wollte ich auch nicht zwei volle Trinkflaschen am Jaufen an der Verpflegungsstation wieder abgeben Die Gruppe löste sich dann am Brenner komplett auf, mit wieder 5 Mitfahrer, die sich auch nicht verpflegen mussten bzw. gerade aus der Verpflegung kamen, ging es dann kreiselnd bis Sterzing. Am Fuße des Jaufen sollte es mit der gleichen Taktik wie am Kühtai in den Berg gehen, anfangs noch etwas „angenockt“ vom Brenner, dachte ich, hab Geduld, die Anfangswattwerte sollte sich doch mit der Zeit stabilisieren. Als die ersten Fahrer vom Brenner wieder an mir vorbei fuhren, war mir klar, dass ich das Anfangstempo nicht halten konnte und ich auch nicht auf „Gedeih und Verderb“ dies versuchen wollte, da ich bereits beim ersten Ötztaler am Timmelsjoch jäh eingegangen war. Auch die Erinnerung, dass es ja damals nur an meiner schlechten Flüssigkeitsversorgung gelegen war, ließ mich Tempo rausnehmen. Unterhalb vom Jaufenpass an der Verpflegung angekommen, merkte ich auch, dass mein Trinkvorrat komplett aufgebraucht war und der richtige Zeitpunkt gekommen war, mir zwei volle Flaschen abzuholen, perfektes Timing! Die Abfahrt vom Jaufen war diesmal nicht ganz so anstrengend, da zu den Vorjahren einiges frisch geteert wurde. Auf der Abfahrt habe ich dann keine Plätze mehr verloren, obwohl einige Verrückte mal wieder mit über 100km/h an mir vorbei schossen und dachte noch so für mich, was wohl die Fahrer gerade denken, an denen ich gerade vorbei fuhr. Jetzt kam die entscheidende Phase, wie es mir beim Einstieg zum Timmels ergehen wird. Ich setzte alles auf ein Karte und versuchte den ersten Fahrer, der an mir vorbei fuhr nicht mehr ziehen zulassen! Das ging leider nicht lange gut, die ersten Krämpfe kamen, erst im rechten dann im linken Unterschenkel. Im Nachhinein kann ich jetzt behaupten den Brenner zu hart gefahren zu sein, aber das half mir jetzt gerade gar nichts, ich reduzierte das Tempo bis auf Komfortzone, das war jetzt angenehm, aber leider langsam! Immer wieder im Wiegetritt versuchte ich andere Muskeln zu belasten und die Wattleistung wieder langsam zu erhöhen, was aber immer nur kurzzeitig gelang. In Schönau ließ ich mir noch mal Getränke reichen und ein paar aufmunternde Worte zurufen, „ich sähe doch noch gut aus und wäre relativ weit vorne gelegen“. Ich zog mein Tempo durch bis zur Passhöhe auf 2509 m und überholte noch einen Teamkameraden und war trotzdem noch schneller als beim ersten Ötzi. Ohne meine Trainingspläne, die mich jeden Tag für dieses Highlight motiviert hatten, wären diese Verbesserung und das Durchhaltevermögen nicht möglich gewesen. Auch Trainingspläne müssen auf jeden Athleten genau abgestimmt sein und das habe ich nur meiner Trainerin Debbie Haller zu verdanken! Es bleibt nicht aus, dass man auch mal ein Motivationsloch im Training oder Rennen hat, weil es mal eben nicht nach Plan läuft und da habe ich viel mentales Coaching von Debbie zum richtigen Zeitpunkt bekommen, oftmals ist es eben Kopfsache, was man aus seinen körperlichen Fähigkeiten noch herausholen kann! An dieser Stelle großen Dank an Debbie für eine tolle (Trainings-)Zeit und auch Ötzi-Finisherzeit von 8:32 h. Eigentlich wünsche ich mir schon jetzt, diese Zeit mit Ihr beim nächsten Mal zu toppen!